Viele Probleme in der tierärztlichen Praxis sind häufig hormonbasiert

Markus Baur, Auffangstation für Reptilien, München e.V.

Die Schildkröte frisst im Herbst mäkelig, man wintert seine Tiere ein und selbst im Kühlschrank sitzen sie auf dem Moos oder dem Laub und schauen einen herausfordernd munter an, als wollten sie bei 5°C die Welt erobern, Echsen legen keine Eier ab und bilden riesige Eierstöcke aus, die oft operiert werden müssen, das lange ersehnte, teuer gekaufte Zuchtmännchen ist völlig paarungsunwillig, im Frühjahr kommen die Tiere nicht in die Gänge, verweigern trotz hoher Temperaturen das Futter und vegetieren vor sich hin, die natürliche Eiablage funktioniert ebenso wenig, wie bereits die zehnte Oxytocinspritze, trotz mehrfacher Überdosierung, die teure Zuchtgruppe auf die man so lange hin gespart hat und die man jetzt so aufwändig pflegt, sie tut nichts, keine Paarung, keine Eier, kein Zuchterfolg. Oder das Weibchen ist bereits am Ende seiner Kräfte und hört nicht mehr auf, Eier zu legen… Alltägliche Probleme von Tierhaltern – aber auch von Tierärzten… Man untersucht die Tiere, lässt Blut untersuchen, vermutet gravierende (leider im Nachgang auch sehr gut mögliche, ja wahrscheinliche) Organschäden, Infektionen, Viren, Bakterien und Pilze und Parasiten, aber die Ergebnisse bleiben nichts sagend, schwammig, oft genug nichtig. Therapieversuche müssen „ins Blaue“ erfolgen und gehen oft genug ins Leere… Besteht womöglich Seuchengefahr?

Eigentlich ist alles ganz einfach. Die Tiere haben ein Hormonproblem.

Annähernd alle Lebensvorgänge im Organismus sind hormonellen Regelkreisen untergeordnet. Hierbei spielen zunächst äußere– von uns manipulierbare und in der Vivaristik bereitzustellende Faktoren eine sehr wichtige Rolle.
Über die Sinnesorgane werden klimatische Einflüsse, Lichtmenge, Beleuchtungsdauer, Lichtintensität, Feuchte, Jahreszeit etc. wahrgenommen und im Zentralnervensystem zunächst verarbeitet. Es bedarf dieser äußeren Reize in Qualität und Quantität, um ein sehr zentrales, alle Vorgänge im Organismus mehr oder minder direkt oder indirekt beeinflussendes Organ sinnvoll zu beeinflussen. Die Zirbeldrüse.
Bei Reptilien ist sie oft mit dem Parietalauge direkt verbunden, viele besitzen sogar eine Öffnung oder Fontanelle im Schädeldach, der eine Art Linse (deswegen ist der Begriff des „Auges“ nicht falsch gewählt!) nachgeschaltet ist. Hierüber wird Licht direkt wahrgenommen. Bei anderen Gruppen, wie Schildkröten, Krokodilen, Vögeln und nicht zuletzt beim Menschen, erfolgt dies indirekt über das Auge und den Sehnerv. Diese reize bedingen die Intensität der Aktivität der Hormonproduktion in der wichtigsten aller Drüsen, mitten im Gehirn. Es sind hierfür keine weiteren Nervenimpulse oder Gehirnleistungen mehr notwendig, sondern Botenstoffe. Diese werden in den Blutkreislauf freigesetzt und geben hier wichtige Informationen weiter. Diese können hemmend (inhibitorisch) sein, wie wir das vom Melatonin kennen, das uns abends müde macht – und depressionsanfälliger im Winter, oder sie wirken anregend (stimulierend). Dadurch kann zum Beispiel die Schilddrüse angeregt werden, ohne deren Hormonausschüttung Tiere nicht ans Futter gehen, die Gonadotropine dagegen, also Hormone, die an den keimdrüsen wirken, stimulieren die Geschlechtsorgane, Follikelbildung beispielsweise, die Stimulation der Eierstöcke und dadurch Brunst und Paarungsbereitschaft, Spermareifung und –Produktion im Hoden oder indirekt über nachgeschaltete Hormone aus dem Hoden, die Balz.

Hierbei wird schrittweise vorgegangen. Ein Hormon stimuliert eine weitere, hormonproduzierende Drüse oder ein Gewebe, das wiederum zielgerichtet weitere Hormone produziert und frei setzt.
Hormone müssen jedoch nicht zwingend eine Hormonfreisetzung bewirken, sondern können Organe, wie den Eierstock zur Ovulation beeinflussen oder an Organen erst die Wirkung anderer Hormone ermöglichen. Dies ist der Fall bei  aus dem Ovar stammenden Östrogen und seiner Wirkung am Legedarm oder Ovidukt. Nur wenn ausreichend Östrogen vorhanden ist, kann so zum Beispiel Oxcytocin, sei es körpereigen oder injiziert, eine Kontraktion am Ovidukt und eine Austreibung der Fruchte bewirken.
Generell sind im bevorzugten Fall erreichen massenhaft äußere – teils auch interne – Reize übergeordnete Drüsen wie die Zirbeldrüse, eine Vielzahl von Hormonen stellen durch hemmende und stimulierende Wirkungen eine Balance im Organismus her und alles funktioniert am Zielort problemlos. Hier kommt den Gegenspielern große Bedeutung zu, denn Hormonwirkung muss gebremst und beendet, reguliert und eingedämmt werden. Ist diese „Hamonie“ gestört, kommt es zu Störungen im Organismus, wie oben geschildert.

Rekapitulieren wir also: Es braucht dringend adäquate Reize, deren Qualität und Quantität stimmen müssen. Übergeordnete Drüsen produzieren Hormone, die den Gesamtorganismus sinnvoll beeinflussen sollen und deren Wirkung durch Botenstoffe an den Zielorganen bzw. untergeordneten Drüsen weitere Hormonausschüttung schrittweise bedingt. Hormone wirken anhand ihrer Struktur und Menge und haben Gegenspieler, die sie regulieren helfen. Und Hormone können auslosend sein für die Wirkung anderer Hormone am Zielorgan. Alles in Allem besteht also ein schrittweiser, geregelter Informationsfluss auf chemischer Basis als Reaktion auf Umwelteinflüsse, der nach vielen Zwischenschritten Reaktionen des Körpers in atemberaubender Geschwindigkeit (denken wir nur an unser eigenes Adrenalin!) zuwege bringt.
Nur wenn Stimulation und Inhibition ausgewogen sind, kann der Organismus richtig und physiologisch reagieren und seine biologischen Aufgaben erfüllen.
Die Crux an der Sache ist die, dass viele Kommunikationsschritte nur dann  ungestört ablaufen, wenn Input, Übersetzung und Ausgewogenheit allenthalben harmonisch sind. Wird auch nur an einer über-, wie untergeordneten Stelle ein Fehler vorhanden sein, gerät das ausgeklügelte System ins Wanken – „Krankheit“ und „Störung“ sind die Folgen. Hier kommt auch den Gegenspielern enorme Bedeutung zu, da hier nur dann alles glatt gehen kann, wenn Ausgewogenheit herrscht. Die Störanfälligkeit besteht also durch äußere Reize, mangelhafte Zielorgane, fehlende „Scharfmacher“ von Rezeptoren und unausgewogene Gegenspieler.
Als Beispiel für fehlerhafte Ursachen kann  die präovulatoriosche oder ovarielle „Legenot“ bei Echsen betrachtet werden. Hier geben äußere klimatische und nutritive Reize den Impuls zur Follikelbildung. Fehlt ein nachgeordnetes Hormon, hier das Östrogen, kommt es nicht zum Eisprung, aber zum entarteten Heranwachsen von Eierstock und Follikeln. Fehlt zudem ein weiteres, ebenfalls äußeres Moment, das balzende Männchen oder der physiologische Nacken- oder Flankenbiß des Männchens bei der Paarung, verbleiben die Follikel im Eierstock. Analog hierzu sind bis zur Erschöpfung Eier produzierende Schildkrötenweibchen, die bei uns während der gesamten Aktivitätszeit den äußeren Impuls bekommen, es sei Frühling, weil unsere Vegetation der Frühlingsvegetation in der Natur entspricht und der Sommerimpuls von außen fehlt.
Ebenfalls ausgehend von einem fehlenden äußeren Impuls, der Lichtmenge und –qualität nämlich ist das Futterverweigern und Mäkeln nach einer Ruhephase zu betrachten. Hier erhält die Zirbeldrüse falsche – winterliche – Inputs und kann keine stimulierenden Hormone für die Schilddrüse freisetzen, die die Fresslust anregen würde.
Stress ist ebenfalls ein Thema, das in aller Munde ist, dem jedoch zu wenig biologische Beachtung geschenkt wird. Stress hat zwei Komponenten. Zuallererst spielen Adrenalin und Noradrenalin, zwei Hormone aus dem Nebennierenmark für eine rasche Aktivierung des Organismus eine Rolle. Hierbei ist Stress zunächst positiv, lebenserhaltend (Flucht) und nur von kurzer Dauer. Hält er länger an, werden Hormone der Nebennierenrinde aktiviert und ausgeschüttet, Kortisol und Kortikosterone. Kurzzeitig sind auch deren Wirkungen positiv und wirken entzündungshemmend, sind positiv für die Verfügbarkeit von Ressourcen, wie Glukose und Kalzium, langfristig jedoch wirken sie schädlich und auszehrend, schädigen die Nieren, die Knochen, den Blutzuckerhaushalt, die Haut und die Knochen, die Nebenniere selbst u. v. m.. Burnout ist die Folge.
Stresshormone jedoch sind nicht nur direkt wirksam, sondern auch indirekt, da sie als Inhibitoren z. B. für Geschlechtshormone wirken. So kann Stress zur Legenot oder zu zeitweise Unfruchtbarkeit, Impotenz etc. führen, was die Unfruchtbarkeit neu erworbener Tiere für einen teils nicht unerheblichen Zeitraum erklärt. Selbst ein geburts- oder Eiablagevorgang kann durch Stresshormone abrupt gestoppt werden, selbst, wenn bereits Wehen vorhanden waren.
Hieraus erschließt sich, wie immens wichtig das Management von haltungs- und Fütterungsbedingungen, das Reproduzieren von natürlichen Auslösern, aber auch das Einhalten von Ruhephasen ist und wie überaus wichtig stressarme Haltungsbedingungen – nicht nur aus Sicht des Tierschutzes für eine artgemäße und gesunde Tierhaltung sind.