Jetzt, Ende Februar merken wir alle, dass der Frühling unaufhaltsam herannaht. Die Meisen zwitschern bereits hektisch, einzelne Amseln singen schon, die Tage werden merklich länger und trotz anhaltender Kälte kann der Beobachter an Bäumen und Sträuchern heranwachsende Knospen wahrnehmen. Bald werden auch unsere Landschildkröten aus der Winterruhe „erwachen“ und hervorkommen.

Leider geschieht es nur allzu häufig, dass einzelne Tiere nicht ans Futter gehen wollen. Sie haben über den Winter ersichtlich an Gewicht verloren und verschmähen selbst die ersten frisch gepflückten Löwenzahnblättchen. Woran liegt das?

Bei der sogenannten posthibernalen Anorexie, also der Nahrungsverweigerung nach der Winterruhe handelt es sich meist um ein vielschichtiges Stoffwechselproblem. Bei vielen Tieren liegt dem eine bereits schlechte Konstitution im Herbst zugrunde, bei der in der Leber kaum Glykogen, also die Speicherform des Zuckers, vorhanden war. Andere haben bereits ein Fettlebersyndrom, das meist durch Fehlernährung und nicht adäquate Temperaturen in der Aktivitäts-, wie der Ruhephase hervorgerufen worden ist. Das Ergebnis ist das gleiche. Den Tieren steht zu wenig rasch mobilisierbare Energie zur Verfügung und der Blutzuckerspiegel ist mein „Erwachen“ horrend niedrig. Dies kann auch als Folge einer zu warmen, also Energiezehrenden Überwinterung vorkommen.

Bedingt durch den niedrigen Blutzucker empfinden die Tiere keinen Hunger und verweigern die Nahrung. Fett wird abgebaut, später auch Muskulatur und die Tiere mergeln aus. Der Darm zeigt keinerlei Motorik, sodass auch Kotabsatz ausbleibt. Diese Zustände sind, wie gesagt, vielschichtig und müssen von verschiedenen Ausgangspunkten betrachtet und therapeutisch angegangen werden. Tut man dies nicht, werden die geschwächten Tiere in aller Regel zu Tode kommen.

Werden diese Tiere dem Tierarzt vorgestellt, sollte dieser dringend eine Blutuntersuchung in Angriff nehmen und insbesondere auf den Eiweiß- (Globuline und Albumin) und Blutzuckerwert achten. Blutzuckerwerte unter 100mg/dl Blut sind pathologisch. Hier wird der zunächst wichtigste therapeutische Ansatz erkennbar: Der Blutzuckerspiegel muss, neben dem Wasserhaushalt in Ordnung gebracht werden. Dies ist sehr simpel durch mehrmalige Infusionen mit einer 5%-igen sterilen Glukoselösung über mehrere Tage zu erreichen. So erhalten die Zellen des gesamten Organismus wieder ausreichend Energie und die desolaten Leberzellen werden regelrecht „gefüttert“ und können ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Hierbei spielt zudem eine ausreichende Thermoregulationsmöglichkeit für die Tiere eine immens wichtige Rolle. Bieten Sie also den kranken Tieren einen warmen (40-45°C) Sonnenplatz, aber ebenso kühlere Rückzugsmöglichkeiten und ausreichend Licht an. Das helle Licht mit UV-A-Anteilen stimuliert über die Augen die Zirbeldrüse und indirekt die Schilddrüse, die dem Organismus das „Aufwachen“ und ansteigende Aktivität hormonell vorgibt. Zusätzlich kann mittels eines Vitami B-Komplexes den Leberzellen „auf die Sprünge geholfen“ werden. Die früher sehr beliebten, Vitamin A-haltigen „Aufbauspritzen“ jedoch können für die Tiere tödlich sein, daher Finger weg davon!

Wie bereits erwähnt liegt die Eigenbewegung des Darmes am Boden. Das Darmepithel regeneriert sich kaum und ist dünnwandig und kaum zur Resorption fähig. Häufig wurden die Tiere vor der Winterruhe exzessiv gebadet um sich „zu entleeren“. Dieser unbiologische und eher krank machende Prozess hat zwar zur Entleerung des Darmes geführt, hat aber auch die lebensnotwendige Darmflora mitgerissen. Diese muss sich aus den geringen, noch verbliebenen Restbeständen erst wieder erholen und aufbauen. Hierzu benötigt sie aber einerseits eine Grundlage, strukturierte Rohfaser nämlich, zum Anderen Futter, also Nahrung der Schildkröte. Dennoch wäre es, dem amerikanischen Slogan „Never forcefeed an anorectic reptile!“ folgend, fatal, wollte man abrupt beginnen, den Tieren normales Futter einzuverleiben. Dies muss langsam erfolgen, nachdem die Tiere infundiert und rehydriert wurden und ausgiebig haben trinken können. Erst dann kann leicht verdauliches, feines und wasserhaltiges, nicht zu kalorienreiches und insbesondere eiweiß- und zuckerarmes Futter in sehr geringen Mengen [0,5% des Körpergewichtes der Tiere] – z. B. Karottenbrei aus dem Glas - eingegeben werden. Diesem sollte Aktivkohle einerseits und etwas Saft rohen Sauerkrautes beigemengt werden. Dieses verändert das chemische Milieu im Dickdarm zugunsten der Darmflora, die Aktivkohle bindet toxische Substanzen im Darm. Im Laufe weniger Tage kann das Futter zunehmend strukturierter und faserreicher werden. Hier hat sich Critical Care mit hohem Rohfaseranteil bestens bewährt. Doch nach wie vor dürfen keine großen Mengen eingegeben werden. Erst wenn der Darm durch sachte Dehnungsreize, angeregt auch durch das lichtinduzierte Schilddrüsenhormon und die zunehmende Aktivität des genesenden Tieres bedingte Bewegung der Schildkröte die sogenannte Darmmotilität wieder einsetzt und Nahrungsbrei im Darm transportiert wird, kann auf ca. 2% der Körpermasse gesteigert werden. Hier hat sich die Zugabe von „Stullmisan ®“, einem vorwiegend aus Kräutern, v. a. Wermut bestehenden Pulver für Saugferkel mit Durchfallserkrankungen bestens bewähr. Auch kann die Struktur des Futters durch rohes Sauerkraut erhöht werden. Sollten in der ersten Zeit entweder durchfallartige Kotabsätze erfolgen oder der Kotabsatz zunächst ausbleiben, besteht kein Grund zur Sorge. Während dieser zeit sollte eine Kontrolluntersuchung des Blutes erfolgen und wieder auf Gesamtprotein, Blutfette und den Glukosespiegel geachtet und ggf. weiterhin oder erneut infundiert werden. Bei sonnigem Wetter sollten betroffene Tiere stundenweise an die Sonne verbracht werden und man kann ihnen grundsätzlich frisches Futter anbieten. Verweigern sie dies nach wie vor, sind aber ansonsten merklich auf dem Wege der Besserung kann durch eine einmalige Gabe des Katzen-Brechmittels Apomorphin in geringer Dosierung eine spontane Futteraufnahme auslösen.

Als Prophylaxe kann empfohlen werden, den Tieren im Sommer zusätzliche Wärmequellen in den Gehegen oder Gewächshäusern anzubieten, damit sie während der Aktivitätsphase möglichst oft Körpervorzugstemperatur erreichen können. Während der Winterruhe muss auf die Einhaltung konstanter Temperaturen zwischen 4.8°C geachtet werden.

Quelle:

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