Tipps von Dr. Markus Baur

Viele Probleme in der tierärztlichen Praxis sind häufig hormonbasiert

Markus Baur, Auffangstation für Reptilien, München e.V.

Die Schildkröte frisst im Herbst mäkelig, man wintert seine Tiere ein und selbst im Kühlschrank sitzen sie auf dem Moos oder dem Laub und schauen einen herausfordernd munter an, als wollten sie bei 5°C die Welt erobern, Echsen legen keine Eier ab und bilden riesige Eierstöcke aus, die oft operiert werden müssen, das lange ersehnte, teuer gekaufte Zuchtmännchen ist völlig paarungsunwillig, im Frühjahr kommen die Tiere nicht in die Gänge, verweigern trotz hoher Temperaturen das Futter und vegetieren vor sich hin, die natürliche Eiablage funktioniert ebenso wenig, wie bereits die zehnte Oxytocinspritze, trotz mehrfacher Überdosierung, die teure Zuchtgruppe auf die man so lange hin gespart hat und die man jetzt so aufwändig pflegt, sie tut nichts, keine Paarung, keine Eier, kein Zuchterfolg. Oder das Weibchen ist bereits am Ende seiner Kräfte und hört nicht mehr auf, Eier zu legen… Alltägliche Probleme von Tierhaltern – aber auch von Tierärzten… Man untersucht die Tiere, lässt Blut untersuchen, vermutet gravierende (leider im Nachgang auch sehr gut mögliche, ja wahrscheinliche) Organschäden, Infektionen, Viren, Bakterien und Pilze und Parasiten, aber die Ergebnisse bleiben nichts sagend, schwammig, oft genug nichtig. Therapieversuche müssen „ins Blaue“ erfolgen und gehen oft genug ins Leere… Besteht womöglich Seuchengefahr?

Mit diesen Worten beginnen viel nächtliche oder – noch schlimmer – fühmorgendliche Notfallanrufe…

Dabei handelt es sich fast immer um einen Prolaps, also einen Vorfall von Weichteilen und/oder Organanteilen aus der bauch- oder Beckenhöhle über die Kloake in die Außenwelt. Das Ganze sieht anfangs vielleicht aus, wie eine etwas geschwollene Kloake, irgendwann sind rosa bis blutrotgefärbte Gewebe erkennbar, die zunehmend braun bis lederartig schwarz werden können, reagiert der Halter nicht umgehend. Allerdings entwickeln sich Organvorfälle nur eher selten langsam, wie geschildert, sondern manifestieren sich plötzlich und ohne erkennbare Vorwarnung und können beängstigende Ausmaße annehmen.

Häufig passiert die nach erfolgter Paarung, nach oder bei Eiablagen, ab du zu beim Kotabsatz oder dem verzweifelten Versuch, Kot abzusetzen, in anderen Fällen aus vermeintlich heiterem Himmel.

Was aber hängt denn nun da hinten heraus?

Das können unterschiedlichste „Dinge“ sein, allerdings niemals solche sind, die für das Tier unwichtig wären: ORGANE!

Im „schönsten“, weil einfachsten Fal,l ist es nur ein wenig Kloakenschleimhaut – vergleichen wir es einmal ganz unmedizinisch mit Haemorrhoiden… Fast ebenso wenig lebensbedrohlich (am Anfang zumindest) kann es die Klitoris sein bei einem Schildkröten- oder Krokodilweibchen nach der Paarung oder der Penis bei einem männlichen Vertreter dieser Tiergruppen. Aber diese hoch sensiblen Organe werden nach Vorverlagerung gestaut und schwellen oft unsagbar an, die Schleimhäute, die sehr zart sind, trocknen ein, reißen unter diesen Bedingungen ein, häufig werden die schmerzenden Vorfälle über Terrarieneinrichtung und Bodengrund geschleift und „abgeschmirgelt“ – und bei Gruppenhaltung erscheinen diese fleischig roten Gebilde für die Beckenmitbewohner begehrenswert futterähnlich… Es wird also hineingebissen, Stücker können herausgerissen und gefressen werden, das betroffene Tier maltraitiert zudem in Abwehr das Ganze noch mit den Krallen – und schon wurde aus einer Bagatelle ein schwerer Unfall mit lebensbedrohlichen Folgen.

Jetzt, Ende Februar merken wir alle, dass der Frühling unaufhaltsam herannaht. Die Meisen zwitschern bereits hektisch, einzelne Amseln singen schon, die Tage werden merklich länger und trotz anhaltender Kälte kann der Beobachter an Bäumen und Sträuchern heranwachsende Knospen wahrnehmen. Bald werden auch unsere Landschildkröten aus der Winterruhe „erwachen“ und hervorkommen.

Leider geschieht es nur allzu häufig, dass einzelne Tiere nicht ans Futter gehen wollen. Sie haben über den Winter ersichtlich an Gewicht verloren und verschmähen selbst die ersten frisch gepflückten Löwenzahnblättchen. Woran liegt das?

Bei der sogenannten posthibernalen Anorexie, also der Nahrungsverweigerung nach der Winterruhe handelt es sich meist um ein vielschichtiges Stoffwechselproblem. Bei vielen Tieren liegt dem eine bereits schlechte Konstitution im Herbst zugrunde, bei der in der Leber kaum Glykogen, also die Speicherform des Zuckers, vorhanden war. Andere haben bereits ein Fettlebersyndrom, das meist durch Fehlernährung und nicht adäquate Temperaturen in der Aktivitäts-, wie der Ruhephase hervorgerufen worden ist. Das Ergebnis ist das gleiche. Den Tieren steht zu wenig rasch mobilisierbare Energie zur Verfügung und der Blutzuckerspiegel ist mein „Erwachen“ horrend niedrig. Dies kann auch als Folge einer zu warmen, also Energiezehrenden Überwinterung vorkommen.